6. Mai 2026
Geschredderte Geheimberichte als Konfetti oder Wimperntusche zum Markieren von Verstecken: Vier ehemalige Spioninnen gaben in einem Kolloquium und einer anschließenden Campus Lecture Einblick in ihre Tätigkeiten während des Kalten Krieges.

Die Spioninnen Lilli Pöttrich, Beatrice Schevitz und Heidi Thiel zu Gast an der Hochschule Campus Wien.
Jede Regierung ist auf zuverlässige Informationen aus dem In- und Ausland angewiesen. Das braucht vielfältige Perspektiven und unterschiedliche Erfahrungen. Dennoch ist sowohl die Vorstellung von Spionage, etwa durch Film und Fernsehen, als auch die Praxis meist männlich geprägt. Dabei ist belegt, dass Frauen zu den qualifiziertesten und wertvollsten Quellen eines Nachrichtendienstes zählen. Im exklusiven Kolloquium mit rund 30 Gäste und der Campus Lecture „Sicherheit im Fokus: Spioninnen erzählen“ mit 150 Besucher*innen berichteten die ehemaligen Agent*innen Lilli Pöttrich, Heidi Thiel, Beatrice Schevitz und Elisabeth Rehbaum über ihre Anwerbung, Ausbildung und Tätigkeit in der Zeit nach dem Ende der Sowjetunion und des kommunistischen Regimes in Europa. Prof. Dr. Helmut Müller-Enbergs, der zu nachrichtendienstlicher Arbeit forscht und im Fachbereich Risiko- und Sicherheitsmanagement lehrt, moderierte die beiden Veranstaltungen. Kooperationspartner war die im Vorjahr gegründete Gesellschaft für Technologie- und Wissensschutz.
So erzählte die heute 71-jährige Lilli Pöttrich, wie sie als 20-jährige Studentin vom DDR-Auslandsnachrichtendienst angeworben wurde. Sie studierte im 5. Semester Rechtswissenschaften, als sie einer Einladung zu einer Veranstaltung in der DDR folgte. Kurz darauf klingelten zwei Männer bei ihr zuhause, die unter dem Vorwand einer Studie über westdeutsche Studierende mit ihr sprechen wollten. Wenige Wochen später wurde Lilli Pöttrich nach Ost-Berlin eingeladen. Die Gespräche mit ihrem späteren Führungsoffizier fanden bei Restaurantbesuchen und Stadtführungen statt, bis er sich zu erkennen gab und ihr anbot, für den Auslandsnachrichtendienst zu arbeiten. Sie wollten den steigenden Bedarf an Frauen in höheren Positionen in der Bundesverwaltung nutzen, um Lilli Pöttrich als Agentin „Angelika“ ins Auswärtige Amt in Bonn einzuschleusen.
Heidi Thiel gab Einblick in die sorgfältig inszenierten Reisen zu Einsatzorten. Die ehemalige KGB-Agentin und ihr Mann waren bereits acht Jahre verheiratet, als sie von Moskau nach New York geschickt wurden, um sich dort unter falschen Identitäten kennenzulernen und erneut zu heiraten. Beide reisten getrennt, über verschiedene Routen und mit wechselnden Pässen. Sie flog als Kanadierin von Moskau nach Wien, fuhr mit dem Zug nach Salzburg und entsorgte unterwegs ihren Pass. Das Reiseetui ihres Mannes diente dabei als Geheimversteck, ein sogenannter Container, für die verschiedenen Pässe. Durch eine kurzfristige Routenänderung traf Heidi Thiel auf dem Bahnsteig in Salzburg zufällig ihren Mann. Sie beschlossen, im selben Hotel, jedoch in getrennten Zimmern einzuchecken. Beim Check-in musste sie jedes Mal den Namen ihres aktuellen Passes neu verinnerlichen – aufgefallen sei das niemandem. Dass Frauen oft unterschätzt wurden, spielte ihr damals in die Hände. Sie sei wie eine Schauspielerin gewesen, die nicht auffiel, beschrieb Heidi Thiel ihre Rolle, niemand hätte erwartet, dass eine Spionin vor einem stehe.
Mitten im Kalten Krieg arbeitete die heute 70-jährige US-Amerikanerin Beatrice Schevitz gemeinsam mit ihrem Mann in Bonn für den DDR-Auslandsgeheimdienst. Ihr Ziel: Informationen aus dem Bundeskanzleramt. Sie fotografierte Unterlagen ihres Mannes, die sie in Nachtzügen nach Basel versteckte und die Verstecke mit Wimperntusche markierte. Als das Ehepaar im Jahr 1994 verhaftet wurde, hatten sie vorher noch ausreichend Zeit, alle Dokumente zu vernichten. Da sie die geschredderten Quellen an ihrem Wohnort in Karlsruhe nicht loswerden konnten, fuhren sie nach Mainz, um sie dort beim Faschingsumzug zu verstreuen. Beatrice Schevitz war vier Tage im Gerichtssaal bis zum Deal. Sie bekam eine hohe Geldstrafe, ihr Mann vier Jahre Haft. Ihr Trick: Sie behaupteten, im Auftrag der CIA gehandelt zu haben.
Das Kolloquium können Sie hier Nachschauen.
Campus Lectures – Sicherheit im Fokus ist eine Veranstaltungsreihe des Fachbereichs Risiko- und Sicherheitsmanagement der Hochschule Campus Wien. Die Veranstaltung „Spion*innen erzählen“ gibt dem Publikum einen einzigartigen Einblick in die geheimnisvolle Welt der Spionage. Die nächste Veranstaltung findet am 13. November statt.