31. Juli 2026

So lässt sich Wohnen bei 40 Grad erträglich gestalten

 

Alexander Sieh, Bauphysiker und Experte für klimaangepasstes Bauen im Department Bauen und Gestalten an der Hochschule Campus Wien, sieht die Überhitzung früher als prognostiziert gekommen.

Effiziente Kühlung der Gebäude durch die Bauteilaktivierung

„Dieses Jahr haben wir in Wien zum ersten Mal die 40 Grad Marke überschritten. Das sind Temperaturspitzen, die Klimamodelle erst in den nächsten Jahrzehnten prognostiziert hatten. Wetter- und Temperaturextreme beschleunigen sich, Hitzeperioden beginnen schon im Juni und dauern länger. Die Extreme kommen viel zu früh.“ Um das Ziel zu erreichen, bis 2040 klimaneutral zu sein, dürfe Österreich nichts mehr verzögern, sondern im Gegenteil die Maßnahmen rascher als geplant umsetzen, mahnt der Experte. Neben der Erreichung der globalen Klimaziele sei es aber auch notwendig, sich bautechnisch an die Klimaerwärmung anzupassen.  

Hitzeschutz in Gebäuden muss zur Norm werden 

Schutz vor Hitze im Sommer müsse genauso selbstverständlich sein wie Schutz vor Kälte im Winter, appelliert Alexander Sieh. „Wir diskutieren auch nicht, ob die Menschen es im Winter drei Wochen lang bei null Grad in der Wohnung aushalten müssen. Heizungen sind selbstverständlich.“
Um Wohnungen im Sommer kühl zu halten, hilft außenliegender Sonnenschutz wie Rollläden, Raffstores oder Außenjalousien. „Sonnenenergie sollte bereits abgehalten werden, bevor sie ins Gebäude gelangt. Innenjalousien können die Überhitzung nur begrenzt verhindern, weil die Sonnenstrahlung dann schon durch das Fenster in den Raum gelangt ist. Dort wird sie von Böden, Wänden und Möbeln aufgenommen und in Wärme umgewandelt.“ Begrünung und Wasserflächen senken die Temperaturen in den Städten ebenfalls deutlich. „Oberflächen müssen entsiegelt und Bäume gepflanzt werden. Oft passiert leider genau das Gegenteil.“

Bauordnungen sind veraltet und setzen Hitzeschwellen zu hoch an  

Die derzeitigen Bauordnungen müssen dringend an die neue Hitzerealität angepasst werden, erklärt der Experte für klimaangepasstes Bauen. „Die Grundlage für die Planung sind Außentemperaturen der Jahre 1981 bis 2000. Das bedeutet, dass die maximale Außentemperatur mit 31,5 Grad in Wien angenommen wird, während sie in Wahrheit fast 40 Grad beträgt.“
Auch die derzeitigen Hitzegrenzwerte in den Bauordnungen sind für Menschen in Innenräumen sind viel zu hoch, so Sieh. „Derzeit gilt die Schwelle von 30 Grad bei Gebäuden als einzige Anforderung, um sommertauglich zu sein. Doch bei 30 Grad Hitze in Innenräumen leiden viele Menschen. 
„Die Temperaturgrenze, bei der sich noch 90 Prozent der Menschen wohlfühlen, beträgt 26 Grad. Darüber wird jedes Grad zur Belastung. Wochenlang bei 30 Grad in der Wohnung zu leben, ist nicht zumutbar.“

Neue Gebäude sind für die nächsten 100 Jahre – Kühlsysteme müssen selbstverständlich sein

Gerade beim Neubau sei es einfacher und umweltverträglicher, Kühlungen von vornherein einzuplanen, sagt der Bauphysiker. „Bei der Bauteilaktivierung zum Beispiel zirkuliert kühles Wasser durch Rohrleitungen, die in Wänden oder Decken integriert sind. Dadurch nehmen die Bauteiloberflächen Wärme aus dem Raum auf und sorgen für eine gleichmäßige Kühlung.“
Doch dass derzeit eine aktive Bauteilkühlung eingebaut wird, sei leider die Ausnahme.
Das sei fatal, sagt Sieh. „Die Gebäude, die wir heute bauen, müssen die nächsten 100 Jahre und länger funktionieren. Selbstverständlich müssen wir jetzt aktive Kühlsysteme vorsehen.“ Eine Klimaanlage wie ein im Nachhinein gekauftes Splitgerät sei nur das letzte Mittel, meint Alexander Sieh. „Splitgeräte sorgen zwar für Abkühlung, sind aber Energiefresser und belasten das Klima zusätzlich.“ 

Krankenhäuser, Pflegeheime und Kindergärten verpflichtend mit Klimaanlagen ausrüsten 

Zur derzeitigen Situation vor allem im Gesundheits- und Sozialwesen, wo die Temperatur in Operationssälen nicht mehr auf die wegen Keimfreiheit erforderlichen 19 Grad heruntergekühlt werden kann und kleine Kinder und alte Menschen bei 38 Grad in den Einrichtungen leiden, meint Sieh: „Man kann nicht verlangen, dass es alte, pflegebedürftige oder kranke Menschen und kleine Kinder mehrere Wochen in Räumen mit 38 Grad aushalten müssen. Gerade bei alten Menschen sieht man in Statistiken die Übersterblichkeit während Hitzewellen. Diese Einrichtungen müssen eindeutig mit Klimageräten nachgerüstet bzw. im Bau mit aktiver Kühlung geplant werden.“

Forschungszentrum Bauen und Gestalten
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