1. Oktober 2026
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind weltweit die häufigste Todesursache bei Frauen. Auch in Österreich sind Frauen besonders betroffen: Rund 16.000 Frauen starben 2023 an Herz-Kreislauf-Erkrankungen – etwa 2.000 mehr als Männer.

Gleichzeitig unterscheiden sich bei Frauen und Männern nicht nur Risikofaktoren und Symptome, sondern auch Diagnose, Behandlung und Versorgung. Anlässlich des Weltherztages widmete sich die Hochschule Campus Wien am 29. September bei einer Campus Lecture dem Thema „Frauenherzgesundheit im Fokus. Geschlechtssensible Perspektiven auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Prävention“. Expertinnen aus Medizin, Diätologie, Biomedizinischer Analytik, Pflege und Gender & Diversity diskutierten, wie Prävention und Gesundheitsversorgung die besonderen Bedürfnisse von Frauen besser berücksichtigen können.
„Frauenherzgesundheit darf kein Spezialthema sein, das nur punktuell Aufmerksamkeit bekommt. Geschlechtersensible Medizin muss Teil unseres Gesundheitsverständnisses und damit auch Teil von Ausbildung, Forschung und Versorgung sein. Denn Gendermedizin ist kein „Wahlpflichtfach“. Frauen sind nicht „anders“ oder „abnormal“, sie sind kein „Sonderfall“ – sondern 50% der Weltbevölkerung. Als Hochschule wollen wir dazu beitragen, Wissen in die Praxis zu bringen. Denn eine präzisere Prävention und Versorgung kann Leben von vielen Frauen retten“, betont Silvia Kaupa-Götzl, Geschäftsführerin und CFO der Hochschule Campus Wien.
Im Impulsvortrag von Wanda Lakner, Ärztliche Direktorin des SVS Gesundheitszentrums Wien, standen frauenspezifische kardiovaskuläre Risikofaktoren und Möglichkeiten der Prävention und Früherkennung im Mittelpunkt. Deutlich wurde: Frauen weisen neben klassischen Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes oder erhöhten Blutfettwerten auch geschlechtsspezifische Risikofaktoren auf.
Dazu zählen etwa Schwangerschaftskomplikationen wie Präeklampsie oder Gestationsdiabetes. Auch eine sehr frühe erste Regelblutung oder eine frühe Menopause können mit einem erhöhten späteren kardiovaskulären Risiko verbunden sein. Frauen, bei denen mehrere dieser Faktoren zusammentreffen, benötigen besondere Aufmerksamkeit in der Prävention und medizinischen Betreuung.
Ein zentrales Anliegen der Veranstaltung war, Prävention nicht erst dann beginnen zu lassen, wenn eine Erkrankung bereits auftritt. Frauen sind auch in jüngeren Jahren nicht automatisch vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen geschützt. Die Vortragenden plädierten deshalb für einen früheren und individuelleren Blick auf Risikofaktoren. „Geschlechtersensible Prävention bedeutet für uns auch, genauer hinzuschauen: Welche Lebensphasen, Vorerkrankungen und sozialen Rahmenbedingungen beeinflussen die Gesundheit? Gerade Schwangerschaft, Menopause oder chronischer Stress können wichtige Hinweise auf das spätere kardiovaskuläre Risiko geben. Diese Perspektive muss in der Gesundheitsversorgung stärker verankert werden“, sagte Agnes Sturma, Departmentleiterin Gesundheitswissenschaften an der Hochschule Campus Wien.
Auch Bewegung spielt eine wichtige Rolle: Bereits moderate regelmäßige körperliche Aktivität kann einen positiven Effekt auf die Gesundheit haben. In einer auf der Campus Lecture vorgestellten Kohortenanalyse war regelmäßige Freizeitaktivität bei Frauen mit einem um 24 Prozent niedrigeren Gesamtsterblichkeitsrisiko verbunden, bei Männern mit 15 Prozent. Gleichzeitig zeigte sich, dass Frauen bereits von kürzeren Trainingszeiten deutlich profitieren können.
Theresa Vierlinger, Diätologin und Lehrende an der Hochschule Campus Wien, widmete sich der Bedeutung von Ernährung für die Frauengesundheit. Dabei wurde deutlich: Eine geschlechtersensible Ernährungsempfehlung bedeutet nicht, dass Frauen grundsätzlich eine eigene „Herzdiät“ brauchen. Vielmehr spielen Lebensphase, Stoffwechsel und individuelles Risikoprofil eine entscheidende Rolle. Ernährung kann bereits lange vor der Menopause ein wichtiger Bestandteil der Prävention sein. Schwangerschaft und andere reproduktive Faktoren können frühe Hinweise auf ein späteres kardiometabolisches Risiko liefern.
Zugleich findet Ernährung nicht im Vakuum statt. Care-Arbeit, Stress, Schlaf, verfügbare Zeit und sozioökonomische Ressourcen beeinflussen, welche Möglichkeiten Menschen im Alltag tatsächlich haben, gesund zu essen und ausreichend Bewegung in ihr Leben zu integrieren.
Die Diskussion machte deutlich, dass Frauengesundheit nicht auf biologische Unterschiede reduziert werden kann. Auch psychosoziale Faktoren beeinflussen die Herzgesundheit. Insbesondere Mehrfachbelastungen durch Beruf, Familie und Care-Arbeit können mit erhöhtem Stress einhergehen. „Wenn wir über geschlechtersensible Gesundheit sprechen, müssen wir biologische Faktoren und Lebensrealitäten gemeinsam betrachten. Frauen tragen nach wie vor einen großen Anteil unbezahlter Care-Arbeit. Zeit, finanzielle Ressourcen, Stress und Zugang zu Gesundheitsangeboten beeinflussen auch die Möglichkeiten für Prävention. Geschlechtersensibilität bedeutet daher, gesundheitliche Ungleichheiten sichtbar zu machen und Barrieren abzubauen“, so Teresa Schweiger, Abteilungsleiterin Gender & Diversity Management der Hochschule Campus Wien.
In der anschließenden Podiumsdiskussion diskutierten Johanna Binder, stellvertretende Studiengangsleiterin Gesundheits- und Krankenpflege an der Hochschule Campus Wien, Tamara Franculovic, Biomedizinische Analytikerin an der Hochschule Campus Wien, Wanda Lakner, Teresa Schweiger und Theresa Vierlinger über die Umsetzung geschlechtersensibler Gesundheitsversorgung in der Praxis. Moderiert wurde die Diskussion von Kristina Hentschel, Healthcare-Expertin und Mitinitiatorin von #GoRed Austria.
Auch der europäische „Safe Hearts Plan“ war Thema der Veranstaltung. Ziel der europäischen Initiative ist es, bis 2035 vorzeitige kardiovaskuläre Todesfälle zu reduzieren und Ungleichheiten zwischen Regionen, Geschlechtern und sozialen Gruppen abzubauen. Prävention, Früherkennung sowie Versorgung und Rehabilitation bilden dabei zentrale Säulen.
Die Campus Lecture zeigte: Frauenherzgesundheit beginnt lange vor der ersten Diagnose. Wer Risikofaktoren früh erkennt, Bewegung und Ernährung als Teil der Prävention stärkt und biologische wie soziale Faktoren berücksichtigt, schafft die Grundlage für eine bessere Herzgesundheit – und für eine Gesundheitsversorgung, die allen Menschen gerecht wird.