8. Juni 2026

Denkanstöße von Mireille Ngosso für Gender- und Diversitätsmedizin

 

Als Allgemeinmedizinerin sowie Expertin für Diversitätssensible und Gendermedizin empowert Mireille Ngosso auf Einladung des Departments Angewandte Pflegewissenschaft bei einer Campus Lecture Personen im Gesundheitsbereich und zeigt Perspektiven für eine diskriminierungsfreie Gesundheitsversorgung.

Fünf Frauen vor einem Rollup der HCW

vlnr: Bettina M. Madleitner (Departmentleiterin Angewandte Pflegewissenschaft), Teresa Schweiger (Leiterin Gender & Diversity Management), Désirée Sandanasamy, Mireille Ngosso, Vizerektorin Elisabeth Haslinger-Baumann

„Mit jeder Reflexion und jedem fachlichen Perspektivenwechsel wird deutlicher, dass die Dimension des Themas weit über jede Annahme hinausgeht“, eröffnet Bettina M. Madleitner, Departmentleiterin Angewandte Pflegewissenschaft und Studiengangsleiterin Bachelorstudium Gesundheits- und Krankenpflege, die Campus Lecture Gender- und Diversitätsmedizin. Und weiter: „Wir wollen diesem Thema in der Gesamtheit die nötige Bedeutung geben.“

Vortragende Mireille Ngosso bringt ihre Erfahrungen als Ärztin und Expertin für Inklusion und Chancengerechtigkeit im Gesundheitswesen ein und macht schnell klar: Es geht nicht nur um individuelle Vorurteile, sondern um ein Machtverhältnis. Menschen einer marginalisierten Gruppe werden aufgrund zugeschriebener Merkmale wie etwa Hautfarbe, Herkunft, Religion oder Sprache abgewertet und benachteiligt. Für Gesundheits- und Krankenpflegepersonen ergeben sich daraus zentrale Fragen: Welche Bilder trage ich selbst in mir? Und wie beeinflussen sie meine Entscheidungen im Alltag?

Rassismus erkennen – auch im eigenen Handeln

Rassismus wirkt auf mehreren Ebenen: persönlich (Vorurteile), zwischenmenschlich (Mikroaggressionen), institutionell (Abläufe, Standards) und strukturell (ungleicher Zugang zu Gesundheitsstrukturen). Zudem nimmt eine patriarchale, eher männlich ausgerichtete Medizin und damit Referenzwerte und Leitlinien eben oftmals Bezug auf lediglich eine bestimmte Menschengruppe und zieht damit eine Reihe von Benachteiligungen und konkrete medizinische Folgen mit sich. Krankheiten und Symptome in Bezug auf andere Bevölkerungsgruppen sind weniger erforscht, Nebenwirkungen und Symptome unbekannter und werden auch von Gesundheitsxpert*innen übersehen oder falsch diagnostiziert. Als bekanntes Beispiel führt Ngosso das Krankheitsbild Herzinfarkt an, der sich bei Frauen eher in unspezifischen Symptomen äußert. In Fachliteratur fänden sich zudem noch immer Mythen, etwa in Zusammenhang mit Schmerzempfinden und Hautfarbe, die es kritisch zu hinterfragen gilt.

Konsequenzen für Diagnostik und Pflegepraxis

Auch technische Faktoren spielen eine Rolle: Bestimmte Geräte wie Pulsoximeter oder Infrarot-Thermometer liefern bei dunkler Haut weniger zuverlässige Werte. Hier sei klinische Beobachtung entscheidend. Für die Praxis in der Gesundheits- und Krankenpflege gibt Ngosso die Empfehlung mit, sich selbst zu reflektieren und auf klinische Methoden zu setzen. Darunter fällt beispielsweise, Schmerzäußerungen unabhängig von Herkunft oder Ausdrucksform mit Schmerzskalen für Verlaufsdarstellungen einzusetzen. Bei Sprachbarrieren eignen sich für einen zielgerichteten Austausch – und um Missverständnisse auszuschließen – etwa professionelle digitale Dolmetsch-Tools.  

Auch der Ausbildung und Maßnahmen auf institutioneller Ebene kämen für ein geschärftes Bewusstsein und Mindset im Sinn einer gender- und diversitätsgerechte Gesundheitsversorgung große Bedeutung zu, wünschenswert wären etwa entsprechende Erweiterung der Fachliteratur, divers gestaltetes Lehr- und Prüfungsmaterial und angepasste Curricula.

Empowerment ist ein Prozess

Den anschließenden Austausch moderierte Désirée Sandanasamy. Sie unterstützt als Rechtsexpertin bei ZARA und berät an der Hochschule Campus Wien als juristische Beraterin der Stelle für Anti-Rassismus Studierende, Studienbewerber*innen sowie alle Mitarbeitenden bei Fragen rund um Rassismus. Im Zentrum standen weitere praxisbezogene Handlungsweisen, die eine diskriminierungsfreie Gesundheitsversorgung stärken und Zivilcourage fördern. Dokumentation von Vorfällen und anonyme Weitergabe an höhere Stellen sind ebenso empfehlenswert, wie die Vorbereitung von Formulierungen und möglichen Reaktionen für die Zukunft. 

Zentrum für Angewandte Pflegeforschung
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