13. April 2026

Campus Lecture beleuchtet Mutterschaft jenseits gängiger Erwartungen

 

Mit einer Campus Lecture rückte der Bachelorstudiengang Hebammen ein Thema in den Fokus, das gesellschaftlich oft tabuisiert wird: Regretting Motherhood – das Bedauern der Mutterschaft.

Ein Vortrag mit zwei Personen auf der Bühne

Nach einleitenden Worten von Studiengangsleiterin Heike Polleit setzte Beatrix Habusta‑Paschen, Organisatorin der Veranstaltung und Senior Lecturer im Studiengang, einen ungewöhnlichen, aber präzisen inhaltlichen Auftakt: Sie begann mit einem Blick in den Duden. Wörterbücher, so ihre These, seien nicht nur sprachliche Nachschlagewerke, sondern Seismografen gesellschaftlicher Entwicklungen. Sie zeigten, was als relevant gilt – und machten zugleich sichtbar, was fehlt.

Dass Begriffe wie „Hausfrau“ oder „Rabenmutter“ seit über hundert Jahren Teil des deutschen Sprachgebrauchs sind, während „Care‑Arbeit“ erst vor Kurzem aufgenommen wurde und Matreszenz bis heute fehlt, sei mehr als eine sprachliche Lücke, erläuterte Habusta‑Paschen. Matreszenz bezeichnet – analog zur Adoleszenz – jene Entwicklungsphase, in der sich mit Beginn der Mutterschaft Körper, Psyche, Beziehungen und das Weltverhältnis einer Person tiefgreifend verändern. Was nicht benannt werden könne, lasse sich schwer begreifen – und werde entsprechend selten systematisch beforscht, versorgt oder in Leitlinien berücksichtigt.

Genau an dieser Leerstelle setzte die Campus Lecture inhaltlich an und leitete zur zentralen Frage des Abends über: Wie wird Mutterschaft erlebt, wenn Gefühle nicht den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen?

Buchlesung über Mutterschaft jenseits des Ideals 

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Buchlesung der Autorin und Onlineaktivistin Wiebke Schenter (@piepmadame). In ihrem Buch „Ich liebe meine Kinder, aber …“ sowie in ihren Beiträgen macht sie Erfahrungen von Mutterschaft jenseits idealisierter Bilder sichtbar. Ihre exemplarischen Erzählungen zeigten, wie unterschiedlich, widersprüchlich und emotional komplex diese Lebensphase erlebt werden kann. Schenter gab jenen Gefühlen Raum, die häufig verschwiegen werden – etwa Überforderung, Zweifel oder Reue – und machte deutlich, dass deren Benennung keine Abwertung von Mutterschaft darstellt. Vielmehr ist sie eine Voraussetzung dafür, Mutterschaft realistisch zu verstehen und Frauen verantwortungsvoll zu begleiten.

Ambivalenz als Realität in der Hebammenarbeit

Im anschließenden Gespräch zwischen Wiebke Schenter und Beatrix Habusta Paschen wurde deutlich, dass individuelle Erfahrungen von Mutterschaft immer auch in einen größeren wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhang gehören. Ambivalente Gefühle sind in dieser Phase nicht ungewöhnlich, sondern häufig.

Für den Studiengang Hebammen an der Hochschule Campus Wien ist die Auseinandersetzung mit „Regretting Motherhood“ daher fachlich hoch relevant. Hebammen begleiten Frauen in einer biografisch sensiblen Übergangsphase, die weit über den medizinischen Geburtsprozess hinausgeht. Professionelle Betreuung bedeutet dabei auch, emotionale Spannungen wahrzunehmen, Schuldgefühle nicht zu verstärken und Ambivalenz auszuhalten. Die Campus Lecture zeigte, wie wichtig es ist, angehende Hebammen auf diese Dimension ihrer künftigen Berufspraxis vorzubereiten – fachlich fundiert, reflektiert und frei von idealisierenden Erwartungen an Mutterschaft.

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